Er-Fahrungen

Die drei Monate, die ich im letzten Jahr in Indien verbrachte, haben wir klargemacht, dass jede Reise eine ganze Menge Er-Fahrungen vermittelt, die danach drängen mitgeteilt zu werden. Emails in die Heimat können dies natürlich auch ganz gut leisten, mit dem Instrument des Weblogs eröffnet sich aber eine neue Möglichkeit, die ich nicht ungenützt lassen möchte.

30.4.06

Unverhofft in Sao Paulo

Von Porto Alegre geht es mit dem Flugzeug nach Sao Paulo, wo wir in die Maschine nach Frankfurt umsteigen sollen. Allerdings hat unser Flug einige Verspaetung und so verpassen wir den Anschlussflug. Ein Teil der Gruppe wird ueber Mailand umgeleitet, der andere Teil auf den naechsten Tag vertroestet. Also gibt es ungeplanterweise einen Tag Sao Paulo auf Kosten der Varig.

Und da wartet die Ueberraschung. Obwohl Sao Paulo von den meisten Reisenden ignoriert wird, praesentiert sich die Stadt als durchaus sehenswert. Wir finden eine pulsierende Metropole vor, die Altes und Neues eindrucksvoll vereint. Quirlige Einkaufsstrassen, Parks und Fussgaengerzonen, Kirchen und historische Gebaeude reihen sich entlang unseres Rundgangs.

Vom 52. Stock des Edifizio Italia hat man einen grandiosen Blick auf die Hochhaeuser der Downtown. Gaukler und fanatische Prediger ziehen allerorten die Passanten in ihren Bann. Strassenhaendler verkaufen alles und jedes - und verschwinden blitzschnell, sobald die Polizei ins Viertel kommt.

Und im Viertel der Nipo-Brasilheiros bekommt man einen Eindruck von der Subkultur der Einwanderer aus Japan (Sao Paulo hat mit mehr als 1 Mio. Menschen die groesste japanische Gemeinde ausserhalb von Japan).

Insgesamt also bereue ich diese unverhoffte Begegnung mit der groessten Stadt Brasiliens keineswegs, dennoch bin ich froh, als am Abend dann endgueltig Heimreise angesagt ist.

29.4.06

Auf der Ranch von Renato Borghetti

Die letzte Nacht verbringen wir - schon in der Naehe von Porto Alegre - auf der Ranch des bekanntes suedbrasiliansichen Akkordeonmusikers Renato Borghetti. Durch eine tolle Allee fahren wir auf das Anwesen zu, das aus dem Wohngebaeude, einem Gaestehaus und einem Restaurant besteht. Davor befindet sich ein Pool und ein Steg durch den Schilfguertel hinaus auf die Lagune dos Patos (erinnert etwas an den Neusiedlersee). Daneben finden sich die Stallungen mit praechtigen Pferden, Reitplatz und Koppeln.

Zur Begruessung spielt der Hausherr ein paar seiner Melodien, bald darauf gibt es ein opulentes Mahl mit jeder Menge Rind vom offenen Feuer. Aufregung gibt es, als wir direkt vor unseren Zimmern auf eine Schlange stoßen, die von den Einheimischen als 20mal giftiger als eine Kreuzotter eingestuft wird, die Lust auf einen Abendspaziergang ist uns daraufhin erst mal vergangen. Am naechsten Morgen ist leider Regen angesagt, sodass die beabsichtigte Kutschenfahrt ueber die Besitztuemer ins Wasser faellt.

26.4.06

Die Canyons der Aparados da Serra

Unser naechstes Ziel ist der Nationalpark Aparados da Serra, der zusammen mit dem benachbarten Nationalpark Serra Geral 22.500 ha umfasst und sich entlang des Steilabfalls des Plateaus des Brasilianischen Berglands über insgesamt 16 wilde Canyons hinzieht.

Wir wohnen in der Refugia Pedra Afiada, einer Oeko-Lodge am Rande des Nationalparks. Schon vom Zimmer aus faellt der Blick in einen der Canyons, und vom Aussichtsturm am Dach eroeffnet sich ein grandioser Rundblick auf die von dichtem Gruen ueberzogenen Berge. Hier findet man die groessten noch erhaltenen Araukarienwaldbestaende.

Am ersten Tag wandern wir in einem Flussbett weit in den Canyon hinein, am Ende der Strecke erfrischt uns ein kuehlendes Bad im Fluss. Am zweiten Tag geht es ueber eine ruppige Piste hinauf auf das Plateau, wo wir eine Wanderung entlang des Randes des Itaimbezinho - Canyons unternehmen. Der Blick in die Schlucht, in die sich der Rio Boi 700 m tief eingefraest hat, ist einmalig.

24.4.06

Rast am Meer

Vor den naechsten "Wandertagen" ist uns eine kleine Rast am Meer vergoennt. Der Badeort Praia de Bombas unterscheidet sich von den benachbarten Hotelburgenstaedten wohltuend durch seine niedrige Bebauung und seine wunderschoene Lage an einer sichelfoermigen Bucht, die dafuer sorgt, dass die Brandung auslaeuft, sodass ein ruhiges, auch zum Schwimmen herrlich geeignetes Meer auf uns wartet. Der herrliche, feinsandige Strand und der Ort selbst sind ziemlich ausgestorben, denn fuer brasilianische Verhaeltnisse ist es herbstlich kuehl (24 Grad) und damit absolute Nebensaison.

23.4.06

Der atlantische Regenwald

Vom atlantischen Regenwald, der frueher die Kuestenlandschaft praegte sind heute nur mehr 4% der urspruenglichen Flaeche in Schutzgebieten erhalten. Dieses Oekosystem hautnah zu erleben, das ist der Zweck unseres Aufenthalts im Santuario Nhundiaquara. Inmitten der herrlichsten Natur erwartet uns eine sehr stilvoll mit Naturmaterialien von lokalen Kuenstlern ausgestaltete Lodge. Hier kann man im Fluss baden (mit Rutsche!), in der Haengematte sitzen und die Umgebung betrachten und natuerlich Ausfluege in die umgebenden Waelder machen.

Fuer den Laien ist der Unterschied zum tropischen Regenwald nicht so leicht feststellbar, auch hier ueppigste Vegetation mit ganz ahnlichen Wuchsformen, aber die Baeume erreichen nicht die Hoehen wie die Urwaldriesen Amazoniens und die Artenzusammensetzung ist natuerlich auch eine ganz andere.

22.4.06

Mit dem Serra Verde Express hinunter zum Meer

Von Curitiba aus nahmen wir zur Abwechslung mal den Zug, und zwar einen ganz besonderen. Der Serra Verde Express ist eine Schmalspurbahn, die auf einer atemberaubenden Trasse die fast 1000 Hoehenmeter zwischen dem Plateau und der Kuestenebene ueberwindet.

Bruecken fuehren ueber tiefe Schluchten, in engen Kurven geht es durch eine phantastische Landschaft (man durchquert ein Stueck des atlantischen Regenwaldes) und genießt das unglaublich gruene Gebirgspanorama.

21.4.06

Curitiba, die Umweltmusterstadt

Naechste Station ist Curitiba, eine Stadt, die als sauberste Grossstadt Brasiliens gepriesen wird. Seit den 70er Jahren wird hier viel für Umwelt und Lebensqualitaet getan, und das Ergebnis kann sich sehen lassen und wurde auch schon mehrfach preisgekroent.

Ein besonders billiges und gut ausgebautes Nahverkehrssystem hat den Individualverkehr stark verringern koennen (im Bild die beruehmten Einsteige-Roehren fuer die Busfahrgaeste), ein ausgekluegeltes Abfallsammelsystem ermoeglicht vollstaendige Muelltrennung und mit 55 qm Gruenflaeche pro Einwohner gibt es enorm viel Erholungsraum im Stadtbereich.

20.4.06

Itaipu - Wasserkraft gigantonomisch

Nur wenige km noerdlich von Iguazu befindet sich das groesste Wasserkraftwerk der Welt, der Staudamm von Itaipu, der den Rio Parana auf einer Laenge von 150 km aufstaut und mit seinen Turbinen 25 % des Stromverbrauchs Brasiliens und 95% des Bedarfs von Paraguay abdeckt.

Erst bekommen wir im Besucherzentrum einen Film ueber Bau und Leistung des Kraftwerks vorgefuehrt, danach werden wir mit Bussen durch das Gelaende gefahren. Bei einem Aussichtspunkt gibt es einen Fotostop, dann geht es weiter ueber den Damm und zuletzt zu den Kraftanlagen. Ein Museum dokumentiert den durch den Stausee ueberfluteten Lebensraum mit Exponaten zur Tier- und Pflanzenwelt, sowie der Lebensweise der umgesiedelten Guarani-Indios.

Ich bin beeindruckt - und gespalten. Einerseits ist die Gigantonomie dieses Projektes furchterregend und die Vertreibung der hier ansaessigen Bevoelkerung schmerzvoll, andererseits denke ich mir, wenn ich hoere, dass mit diesem Projekt 13 Atommeiler verhindert wurden, dass Wasserkraft wohl doch die bessere Alternative ist, denn Energiesparen und Alternativenergien sind in Brasilien noch nicht so besonders aktuell.

19.4.06

Wasser, Wasser, Wasser - die Faelle von Iguzu

Die naechsten drei Tage wohnen wir in Foz de Iguazu, um auf beiden Seiten der Grenze die weltberuehmten Wasserfaelle zu erkunden. Der Iguazu ist ein Nebenfluss des Parana, der ueber mehr als 100 km die Grenze zwischen Brasilien und Argentinien bildet, der hier bis zu 10.000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde auf einer Breite von 2700 m ueber unzaehlige Haupt- und Nebenfaelle in eine nur 100 m breite Schlucht donnern laesst.

Am ersten Tag besuchen wir den argentinischen Nationalpark, der ueber zwei ausgedehnte Wanderwege mit unzaehligen Stegen und Aussichtsplattformen eine hautnahe Begegnung mit sehr vielen der Faelle ermoeglicht. Die Fallhoehen liegen zwischen 50 und 80 m. Ein Erlebnis fuer alle Sinne, Wasser rauscht, Wasser spritzt, Wasser nebelt.

Ausserdem gelangt man mit einer Liliputbahn, die den Nationalpark durchschneidet, zur Oberkante des spektakulaeren "Garganta do Diabo" (=Teufelsschlund). Schon in einiger Entfernung ist das Donnern des gewaltigen Kataraktes zu hoeren, wenig spaeter sieht man ein Loch in der so friedlich wirkenden Wasseroberflaeche, und dann steht man ploetzlich davor und ist ueberwaeltigt von dem Anblick der tobenden Wassermassen. Der Grund des Schlundes bleibt in einer Wolke von Gischt und Nebel verborgen.

Der naechste Tag ist der brasilianischen Seite gewidmet. Von hier aus gesehen liegen die meisten der Faelle auf der anderen Seite, sodass man einen besseren Ueberblick ueber die gewaltige Dimension dieses Naturspektakels hat.

17.4.06

Zu Besuch bei Che Guevara

Auf der Reise durch die argentinische Provinz Misiones auf dem Weg nach Iguzu passieren wir das Anwesen, auf dem Ernesto Che Guevara aufgewachsen ist. Das in wunderschoener Lage mit Blick auf den Rio Parana gelegene Landhaus ist heute ein Museum, das die Lebensstationen des Revolutionaers mit Bildtafeln lebendig zu machen versucht.

16.4.06

Jesuiten und Indianer

Im aeussersten Sueden Brasiliens und im angrenzenden Argentinien und Paraguay waren es nicht die Portugiesen, die das Land besiedelten, sondern die Spanier. Und in diesem Gebiet gibt es eine weitere Besonderheit, naemlich die sogenannten Reduktionen, geschlossene Siedlungen der Jesuiten, auf denen sie die Ureinwohner (die Guarani-Indianer) in einer kleinen Stadt mit Colegio und Kirche ansiedelten, um bei der Missionierung gezielter vorgehen zu koennen. Die insgesamt 13 Reduktionen sind heute Ruinen (und Weltkulturerbe), der angrenzende argentinische Bundesstaat heisst bis heute Missiones.

Auf der Fahrt nach Iguazu, auf der wir auch die Grenze nach Argentinien ueberschreiten, besuchen wir zwei davon und lassen uns die offizielle Version erzaehlen, die da lautet, dass die Indianer durch die Jesuiten vor den Angriffen der Bandeirantes geschuetzt gewesen seien, die das Land unsicher machten. Auf mich wirken die Siedlungen allerdings eher wie Kasernen und ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Indianer da sehr gluecklich gewesen ist, auch wenn fuer sein Seelenheil bestens gesorgt war. Heute freilich wirken die Ruinenstaetten aeusserst idyllisch.

15.4.06

Oekoprojekt Gaia

Etwa zwei Fahrstunden von Porto Alegre entfernt befindet sich ein Oekoprojekt, das in den 80er Jahren vom frueheren brasilianischen Umweltminister Jose Lutzenberger (der auch hier begraben ist) initiiert wurde und beispielgebend fuer ganz Brasilien war.

Von seiner Tochter Lara, die es heute leitet, werden wir ueber das Gelaende gefuehrt und in ausgezeichnetem Deutsch und sehr engagiert ueber die verschiedenen Projekte informiert.

Auf einer ehemaligen Abraumhalde ist eine Ranch entstanden, die alle Formen von Landwirtschaft mit touristischen Einrichtungen verbindet. Es gibt Kuehe, Schweine und Gefluegel, eine Kakteenzucht, einen Obstgarten mit allen Arten von tropischen Fruechten, Permakulturen, Reis-, Soja- und Maisanbau, ein Wiederaufforstungsprojekt, einen Teich, eine eigenstaendige Wasserversorgung und -aufbereitung, elektrischen Strom aus Wind- und Sonnenenergie und ein Gaestehaus mit Restaurant und Unterkuenften.

14.4.06

Das Land der Gauchos

Der Bundesstaat Rio Grande do Sul ist gepraegt von der Pampa und den Viehherden der Gauchos. Dementsprechend viel (Rind-)fleisch kommt hier auf den Tisch. Ein Besuch in einer hiesigen Churrasceria ist ein echtes Erlebnis, aber einer schlanken Linie nicht unbedingt foerderlich. Man bezahlt pauschal und isst, bis man nicht mehr kann. Am Buffet findet man jede Menge Salate und Beilagen (sowie Nachspeisen), die Hauptsache aber sind die riesigen Spiesse, die von unzaehligen Kellnern herumgetragen werden und mit jeweils anderen Sorten gegrilltem Fleisch bestueckt sind. Wenn man nicht direkt abwehrt, landet eine Kostprobe am Teller. Und es schmeckt leider so gut, dass man alles durchkosten muss...

Porto Alegre

Porto Alegre (=der froehliche Hafen) ist bei uns bekanntgeworden durch das Weltsozialforum. Touristisch gesehen ist die Stadt nicht so aufregend. Die wenigen Sehenswuerdigkeiten konzentrieren sich um den Platz der drei Gewalten, eine Kathedrale, das Abgeordnetenhaus, das Praesidentenpalais und der Justizpalast. Und dann gibts noch ein Einkaufsviertel und eine sehr schoene Markthalle. Das wars.

12.4.06

Ab in den Sueden!

Von Rio aus geht es in den Sueden, nach Porto Alegre, die Hauptstadt des Bundesstaates Rio Grande del Sul. Damit verlasse ich auch die Tropen und komme in den (hoffentlich schoenen) Herbst der suedlichen Halbkugel. Und damit hat dann auch meine Solo-Reise ein Ende, da ich dort mit einer Reisegruppe der oberoesterreichischen Gruenen zusammentreffe, mit der ich den Sueden befahren werde. Das wird zunaechst gewoehnungsbeduerftig sein nach all den Wochen, wo ich selbst fuer mich sorgen musste, aber auch jederzeit nach Lust und Laune mein Programm aendern konnte. Andererseits ist es aber schon sehr bequem, sich nicht mehr um die ganze Logistik kuemmern zu muessen.

11.4.06

Ein Besuch in der Favela

Was einem Rio-Besucher auf eigene Faust eher nicht anzuraten ist, wird nunmehr als gefuehrte Tour angeboten: ein Besuch in den Favelas. Mit Guides, die selbst in der Favela zu Hause sind, kann man sich ein Bild vom Leben in den Armensiedlungen machen. Zwar nicht in der vom gleichnamigen Film bekannten "Cidade de Deus", die auch waehrend meines Rio-Besuchs mit einigen Schiessereien fuer Schlagzeilen sorgt, sondern in zwei 'harmlosen" Favelas im Sueden der Stadt, in denen der Grossteil der Bewohner einer geregelten Arbeit (im Tourismus oder in privaten Haushalten) ausserhalb der Favela nachgeht.

Wir bekommen viel erzaehlt ueber die Organisation der Comunidad, ihre Probleme und auch ihre positiven Seiten, koennen mit Bewohnern sprechen, besuchen eine Schule und schlendern durch die engen Gaesschen. Ein Blick in eine andere Welt tut sich auf.

10.4.06

Zuckerhut und Corcovado - Rio von oben


Ein besonderes Erlebnis ist es, von einem der "Hausberge" Rios auf die Stadt hinunterzublicken. Der Zuckerhut ist mit etwas ueber 300m der kleinere der beiden, aber wegen seiner bizarren Form der bekanntere. Mit einer Seilbahn gelangt man zunaechst auf den Barro de Urca, dann heisst es umsteigen, bevor die naechste Gondel zum Gipfel schwebt.

Ich erreiche die erste Gondel um 8 Uhr und bin dann fast alleine oben, waehrend um 10 Uhr die Aussichtsplattformen von Reisegruppen gefuellt sind. Ausserddem ist die Sicht um diese Zeit am besten, spaeter verschwindet die Innenstadt im Dunst. Vom Corcovado gegenueber ist allerdings nichts zu sehen, er ist voellig in Wolken gehuellt. Doch dann - so gegen 11 Uhr - taucht ploetzlich zwischen den Wolken die Christusstatue auf, so dass es aussieht, als stuende Jesus auf einer Wolke ueber der Stadt. Bald darauf ist der ganze Berg wolkenfrei, aber dieser kurze Auftritt war eigentlich das beeindruckendste.

Der Zuckerhut liegt auf einer Halbinsel, die sich etwas in den Atlantik vorschiebt, weshalb man von ihm aus einen besonders schoenen Blick auf die Straende hat. Von hier aus ist die Copacabana wirklich wunderschoen.


Ganz anders gestaltet sich ein Besuch am Corcovado. Hier faehrt man zuerst mal fast eine halbe Stunde mit der Zahnradbahn mitten durch die Auslaeufer des Atlantischen Regenwaldes, der in Rio ja bis mitten in die Stadt hineinreicht. Schon das ist nicht zu verachten. Dann geht es mit Aufzug und Rolltreppen hinauf zur Aussichtsplattform mit dem "Cristos Retendor" (fuer die Sportlichen gibt es natuerlich auch Treppen). Und dann steht man erst mal vor der ueber 30m hohen Statue, was schon nicht wenig beeindruckt. Doch dann bleibt einem der Mund offen vor Staunen. Ein Panoramarundblick ueber ganz Rio und seine Umgebung wird geboten, wer da nicht voller Staunen und Begeisterung verstummt, dem ist nicht mehr zu helfen. Immer wieder gehe ich rundum, suche verschiedene Fixpunkte in der Landschaft, mache unzaehlige Fotos und schaue, schaue, schaue. Erst als die Sonne niedersinkt und ein kuehler Wind blaest, steige ich wieder in den Zug.

9.4.06

Wie ist der Brasilianer?

Diese Frage wird mir immer wieder gestellt. Nun also die Antwort: Der Brasilianer (und natuerlich die Brasilianerin) ist gross oder klein, blond, schwarzhaarig oder bruenett, hat schwarze, braune, weisse, gelbe oder rote Haut und ist dick oder duenn.

Nein, im Ernst. So vielfaeltig wie die Menschen in Brasilien sind sie wahrscheinlich nirgendwo. Die meisten erzaehlen voller Stolz, welche Genvielfalt durch die Herkunft ihrer Ahnen in ihnen schlummert, aber alle eint der Stolz Brasilianer(in) zu sein. Und noch etwas ist ihnen gemeinsam: die Ueberzeugung, dass es immer einen Ausweg gibt und dass man sich daher nicht allzuviel aufregen, sondern das Leben geniessen soll. Nicht zufaellig heisst der beliebteste Hit "Allegria" (Lebensfreude)!

8.4.06

Am Strande von Rio

Besser gesagt: an den Straenden von Rio, das sind die Buchten von Flamengo, Botafogo, Copacabana, Ipanema und Leblon, ist es nicht allzu einladend zu einem Bade. Verschmutztes Wasser, gefaehrliche Stroemungen und ein Zustrom kalten Meereswassers sind die Gruende. Einige gehen trotzdem ins Wasser, fuer die meisten aber ist "ihr" Strandabschnitt, der meist mit der fortlaufenden Nummer der Lifeguard-Postos angegeben wird, eher ein Platz der Selbstdarstellung, des Sehens und Gesehenwerdens.

Die Copacabana und der Strand von Ipanema sind fuer den Rio-Touristen freilich nachgerade magische Orte, emotional aufgeladen durch Lieder und Filmseqenzen, die in unseren Koepfen abgespeichert sind. Und so fuehle auch ich mich stolz, als meine Fuesse auf der Promenade der Copa, dem von Burle Marx mit Wellenmustern versehenen Pflaster, dahinwandle. Doch nuechtern betrachtet ist das ganze nichts weiter als eine Bucht mit einem nicht allzu aufregenden Sandstrand, der eine endlose Reihe von Hochhaeusern und eine sechspurige Strasse saeumt. Ich schluerfe bei einem der Kioske eine Kokosnuss aus und versinke in der Betrachtung des Strandgeschehens, esse dann teuer und nicht allzu gut zu Mittag und lese in der Zeitung, dass am Vorabend bei einer Schiesserei ganz in der Naehe zwei Menschen ums Leben kamen. Ipanema ist ein bisschen weniger touristisch, sonst ganz aehnlich. Beide halten aus der Naehe nicht das, was der Blick von oben verspricht.

7.4.06

Meine Lieblingsorte im Zentrum von Rio

Das Zentrum von Rio ist weniger eine Altstadt als eine "Downtown". Nur vereinzelt verirren sich historische Gebaeude in die Ansammlunmg von Wolkenkratzern, geschlossene Ensembles wie die Praca Floriano mit dem Stadttheater, dem Rathaus und der Nationalbibliothek
gibt es wenige. Aber dennoch findet man inmitten des Kommerzgewimmels Ruheoasen wie das Benediktinerkloster, das auf einem Huegel direkt ueber der Bucht von Rio thront.

Meine unumstrittenen Lieblingsorte sind aber andere. Da ist einmal die Confeiteria Colombo, ein bekanntes Jugendstilcafé mit einem imposanten Spiegelsaal - und natuerlich diversen Koestlichkeiten, die einen kleinen Espresso erst so richtig zur Geltung kommen lassen.

Zum anderen ist es eine alte Bibliothek, die mich fasziniert, die Real Gabinete de Leitura, eine Freihand - Bibliothek (!) in einem wunderschoenen gotischen Gebaeude, in der man die Buecher von rundumlaufenden Galerien auf drei Ebenen einfach aus dem Regal nehmen und sich dann in der andaechtigen Atmosphaere des von einer Glaskuppel erleuchteten Lesesaales zu Gemuete fuehren kann.

6.4.06

Lapa - "mein" Barrio

Lapa, das Stadtviertel, in dem ich wohne, wartet mit einer besonderen Attraktion auf, den Arcos de Lapa (Boegen eines Aquaeduktes), ueber die die Bonde, die alte gelbe Strassenbahn nach Sta. Teresa rattert. Der Kegelstumpf dahinter ist die moderne Kathedrale von Rio de Janeiro, ein gewaltiger Bau aus Beton und Glas, der angeblich Platz fuer 20.000 Menschen bietet.

Die Bonde hat gleich daneben ihren Ausgangspunkt und zuckelt dann auf zwei Linien durch das alte Stadtviertel, das - wie Lapa auch - nun von Kuenstlern und jungen Leuten entdeckt worden ist und dadurch zu einem bevorzugten Ausgehbezirk geworden ist.

5.4.06

Ankunft in Rio

Von Petropolis war es nur noch eine Busstunde bis Rio. Dort habe ich am Busbahnhof ein Prepaid-Taxi zum vorreservierten Hotel genommen. Und dann sass ich da im Hotelzimmer und konnte es erst gar nicht fassen: Ich war wirklich in Rio! Ist schon was Besonderes. Nach etwas Erholung habe ich mich dann auch schon rausgetraut und einen ersten Rundgang gemacht. Die naechsten Tage werde ich mich nun also dieser Stadt ausfuehrlicher widmen, von der Altstadt ueber die Straende, die "Hausberge" Zuckerhut und Corcovado und vieles mehr gibt es zu erkunden.

4.4.06

Kaiserstadt Petropolis

Die Stadt Petropolis gibt sich eher nobel, sie war frueher die Sommerresidenz des Kaisers, erinnert mich verdammt an Bad Ischl. Diverse Palaeste allerorten, allen voran das kaiserliche Palais, ein Fluss, der - von Alleen gesaeumt - mitten durch die Stadt fliesst und ein eher gehobenes Preisniveau. Wegen des kuehleren Bergklimas beliebt bei den Bewohnern Rios als Ziel eines Sonntagsausflugs oder (wer sich´s leisten kann) als Zweitwohnsitz.

Auf den Spuren von Stefan Zweig

Petropolis interessierte mich zuallererst als jene Stadt, in die der Schriftsteller Stefan Zweig nach der faschistischen Okkupation Oesterreichs emigriert und in der er (ob der vermeintlichen Aussichtslosigkeit der politischen Lage in Europa) gemeinsam mit seiner Frau Selbstmord begangen hat. Also heftete ich mich gleich nach der Ankunft auf seinen Spuren. Nach mehrmaligem Fragen fand ich den Weg zum Cimeterio Municipal, und mit Hilfe eines sehr netten Waechters, der mich bis vor das Grab begleitete, schliesslich auch zur letzten Ruhestaette. Ein wenig spektakulaeres Grab mit schwarzer Marmorplatte mit einer hebraeischen Inschrift, eingezwaengt zwischen anderen Graebern (viele mit deutschen Namen) ganz am Rande des Graeberfeldes, ziemlich trostlos. Dann gehts weiter mit dem Bus zum Wohnhaus, ein schlichtes, modernistisch anmutendes Haeuschen am Hang ueber dem Fluss, das man nur durch den Zaun betrachten kann. Aber zumindest kennt man Zweig hier (als den Autor des Buches "Brasilien - das Land der Zukunft").

2.4.06

Museumsstadt Tiradentes

Tiradentes, der Zahnzieher, war der Spitzname eines Freiheitskaempfers, der gegen die Portugiesen fuer die Unabhaengigkeit Brasiliens mobil gemacht hat. Seine Geburtsstadt traegt heute seinen Namen. Nach drei Stunden Busfahrt bin ich da. Und was mich da erwartet, ist nicht weniger praechtig wie Ouro Preto, aber weniger bergig.

In Tiradentes scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, sein kolonialer Charme bezaubert auf Anhieb. Es ist ein richtiges Dorf (6000 Ew.), touristisch zwar, aber dennoch sehr sehr ruhig und vertraeumt. Auch hier hat die Barockzeit ihre Spuren hinterlassen, sind an allen Ecken und Enden Kirchen zu finden, aber auch eine Menge einfache Haeuschen mit bluehenden Gaerten und bunten Fassaden.

31.3.06

Schmuckkaestchen Ouro Preto

Ouro Preto (=schwarzes Gold) ist ein wunderschoener Ort, ein richtiges Schmuckkaestchen inmitten der Berge von Minas Gerais. Die Topographie der Stadt ist sehr unruhig, ueberall geht es bergauf und bergab, und das ordentlich, sodass ich nach einem Tag Herumlaufen einen tuechtigen Muskelkater heimbringe. Eine Unmenge von Barockkirchen ist ueber die Landschaft verstreut, dzwischen ziehen sich enge, mit Kopfsteinpflaster versehene Gaesschen dahin, in denen sich die kleinen Haeuschen aus der Kolonialzeit frisch renoviert praesentieren. Schliesslich ist man ja Weltkulturerbe!

Ich komme nicht sehr rasch vorwaerts, denn alle paar Meter muss ich stehenbleiben, schauen, staunen und fotografieren. Und dann geht man ein paar Mal um die Ecke, und schon muss man wieder den Stadtplan zuecken, um sich nicht endgueltig zu verirren. Und am Abend sitze ich auf der Terrasse vor meiner Pousade und schaue, wie die Abendsonne die Silhouette der Stadt in ein kraeftiges warmes Licht taucht. Und sobald die Sonne untergegangen ist, wird es fuer brasilianische Verhaeltnisse ungewoehnlich kuehl, sodass man sogar Socken und lange Hose aus dem Rucksack hervorkramt.

Die Macht des Vorurteils

Ich sitze gestern hier beim Internet, im Zimmer Fenster offen, damit es lueftet. Als ich zurueckkomme , ist mein Handy weg. Also vermute ich Diebstahl und erzaehle die Sache der Vermieterin. Sie meint, es gebe eine Ueberwachungskamera vor dem Haus, da koenne niemand eingestiegen sein. Ob ich sonstwo...?

Da faellt mir ein, ich koennte es im Bus ausgestreut haben, als ich nach derKamera gekramt habe. Sie ruft die Busgesellschaft an, und - man hoere und staune - das Handy wurde gefunden. Sie schickt fur ein paar Real den Nachbarbuben mit dem Moped zur Busgarage, und wenige Minuten spaeter habe ich es wieder. Aber unser Vorurteil laesst uns natuerlich zu allererst an die boesen Brasilianer denken, die die reichen Touristen bestehlen.

30.3.06

Die allgemeinen Minen

Minas Gerais (=allgemeine Minen) nennt sich der Bundesstaat, den ich als naechsten besuche. Damit wird angespielt auf die vielen Bergwerke, die in dieser Gegend zu finden sind bzw. die glorreiche Vergangenheit, als der Goldrausch tausende Glueckssucher in dieses "Eldorado" verschlug. Das Flugzeug landet in der Hauptstadt Belo Horizonte, das sich als Hochhausmeer entpuppt und mich daher nicht laenger als eine Nacht sieht.

Am naechsten Tag fahre ich zwei Stunden mit dem Bus Richtung Sueden, nach Ouro Preto (=Schwarzes Gold), die beruehmteste und praechtigste der sogenannten Barockstaedte, die ihre Schoenheit ebenfalls den "goldenen Zeiten" verdankt. Die Fahrt fuehrt durch eine liebliche Gebirgslandschaft. Gruene Huegel, Waelder, tiefe Schluchten, Badlands, aber auch Kuhweiden praegen die abwechslungsreiche Landschaft. Ein sattes Gruen dominiert, unterbrochen von violett bluehenden Baeumen. Manchmal aber ist die Erde aufgerissen, sind Spuren der Bergbautaetigkeit zu sehen, und auch Industrieanlagen schieben sich dazwischen.

Das angenehme Klima mit ertraeglichen Temperaturen tagsueber und kuehlen Naechten ist mir nach wochenlanger Hitze auch nicht unsymphatisch. Eine Gegend, in der mans eine Weile aushalten kann. Zumal ich eine ganz tolle preiswerte Pousada mit phantastischer Aussicht finde.

28.3.06

Sightseeing in Brasilia

Ich beginne meine Erkundung mit einem Blick vom Fernsehturm, der vor allem in der Laengsachse in Richtung Regierungsgebaeude faszinierend ist. Von dort aus gehe ich auf dem ueberbreiten Gruenstreifen auf diese zu. Kein Mensch weit und breit, auf den Avenidas rechts und links jede Menge Autos - aber sie sind so weit weg.

Die Kathedrale mit ihrer bekannten Bluetenfassade und dem freistehenden Glockenturm ist wegen der Glasfenster innen sehr hell und vermittelt eine besinnliche Atmosphaere. Daneben die Baustellen der Nationalbibliothek und der Nationalgalerie (schon interessant, dass der Sector Cultural zuletzt bebaut wird, bisher gibts nur das Theater).

Dann folgen auf beiden Seiten aufgereiht die Gebaeude der Ministerien, die alle gleich ausschauen, und daran anschliessend wieder architektonische Highlights, das Aussenministerium und der Justizpalast, das Praesidentenpalais (wo die Gardesoldaten gerade eine spektakulaere Wachabloese hinlegten) und der Oberste Gerichtshof.

Der Hoehepunkt aber folgt zum Schluss: der Doppelturm des Parlaments mit der Kuppel vor dem Senat und der Schuessel ueber dem Abgeordnetenhaus. Bei einer Fuehrung stelle ich fest, dass der wichtigere Teil des Parlaments gar nicht in den Hochhaeusern, sondern in den Flachbauten davor bzw. ihren unterirdischen Fortsetzungen zu finden ist. Die Plenarsaele wirken eher bescheiden in ihrer Ausstattung, aber auf einem der Abgeordnetensitze sitzen zu duerfen, ist schon ein erhebendes Gefuehl (darf man bei uns im Parlament meines Wissens nicht).

Dann gehts in den Sector Comercial (der Hunger ruft) in eines der gewaltigen Shopping Centre, wo ich erst gute Sushi speise und dann - man hoere und staune - einem Konzert der lokalen Philharmonie mit Werken von einem gewissen W.A. Mozart beiwohne. Dann gibts noch ein Bier, denn zum Sector Hoteleiro ist es ja nicht mehr weit.

Brasilia - die Moderne schlaegt zurueck!

Drei Stunden Flug - und man ist in einer anderen Welt. Brasilia, die Hauptstadt, ist der schaerfste Kontrast zur Abgeschiedenheit Amazoniens, den man sich nur vorstellen kann.

Die Stadt vom Reissbrett, die 1964 als neue Hauptstadt Brasiliens auf die Hochebene des Planalto gebaut wurde, ist eine einzige Ausstellung von Objekten der Architektur des 20. Jahrhunderts, zumeist nach Plaenen von Oscar Niemeyer. Ihr Grundriss ist einem Flugzeug nachgebildet, die Wohnviertel bilden die beiden Fluegel, das Zentrum erstreckt sich entlang einer Achse vom Bahnhof bis zum Parlament und entspricht dem Rumpf des Fliegers. Schon diese Symbolik zeigt, dass die Stadt Modernitaet verkoerpern will. Das zeigt sich leider aber auch daran, dass sie zwar auesserst autogerecht ist - Strassen mit 6 Fahrspuren in eine Richtung sind keine Seltenheit, dass sie aber fuer Fussgaenger nur bedingt entsprechende Verkehrswege vorsieht. Im Zentrum sind die einzelnen Zonen funktionell gegliedert, d.h. es gibt Hotelzonen, Kulturzonen, Geschaeftszonen und Regierungsviertel. Das raecht sich freilich, wenn man gerade im Regierungsviertel ist und Hunger bekommt...